Amanda Coker

 

Kurt Searvogel der bisherige Rekordhalter,heisst der Amerikaner mit Nachname. Er spulte innerhalb eines Jahres satte 121 000 km auf dem Velo ab, was 331 km pro Tag entspricht. Dabei lernte der dauerradelnde Kurt vor anderthalb Jahren auch eine Rennvelo­fahrerin kennen, die ihm einen ziemlich fitten Eindruck hinterliess. Also empfahl er ihr ­generös, doch den Frauenweltrekord in dieser Sparte anzugreifen, weils im Sport noch für die sonderbarste Nische einen Rekord zu verteilen gibt.

 

Amanda Coker allerdings, seine ­damals 23-jährige temporäre Begleiterin, hielt sich nicht an den väterlich-­paternalistischen Vorschlag. Coker pulverisierte Searvogels Weltrekord, indem sie dessen an sich schon unglaubliche Leistung bereits nach 326 Tagen ihres Rekordversuchs einstellte.

 

Diesen Sonntag blieb Searvogel darum nur mehr das Wissen, immerhin noch der beste Mann dieser doch eher sonderbaren Szene zu sein (die in ­kleiner Zahl existiert): 86 573 Meilen schaffte Coker innert 365 Tage, was 139 326 km entspricht – oder sagen­haften 381,7 km pro Tag. Zum Schluss hin wurde die ohnehin schon zähe ­Coker immer unwiderstehlicher. Den Tagesrekord von 302 Meilen (486 km) schaffte sie beim drittletzten Einsatz.

 

Gemäss einem Velomagazin reagierte das vermeintlich starke Geschlecht vereinzelt so allergisch auf Coker, dass man sie beim Radeln gar abschirmen musste – und die Zahl an Mitfahrern einschränken: Nur wer Coker kannte, durfte sie begleiten bzw. Windschatten spenden, was bei solchen Rekordversuchen ­erlaubt ist.

 


 

Hirnverletzung und Brüche

 

Zu finden war Amanda Coker leicht: Im Flatwoods Park bei Tampa (Florida) drehte sie ihre Runden, was in direktem Sinn zu verstehen ist. Rund elf flache ­Kilometer reichten Coker für ihr Abenteuer bzw. dieses Velofahren in Dauerschlaufe. Weil der Park allerdings erst um 7 Uhr öffnet, radelte sie ausserhalb die ersten Tageskilometer ein.

 

Viele Aussenstehende dürfte die Aussicht auf 10-Stunden-Schichten in der ewig gleichen Szenerie zum Gähnen bringen. Bei Coker hatte die Rund­strecke eher therapeutische Wirkung: 2011 war sie beim Velofahren von einem Auto mit hohem Tempo gerammt worden, erlitt eine Hirnverletzung, brach beide Beine und einige Wirbel.

 

Erst vor zwei Jahren getraute sie sich wieder, Velo zu fahren. Als sie sich dann für diesen Rekordversuch entschied, war ihr klar: Niemals würde sie so viele Kilometer auf Autostrassen absolvieren wollen.

 

Wobei selbst im relativ sicheren Flatwoods Park die eine oder andere Gefahr drohte: Von den erbosten Alpha-Radmännchen hatten wir es bereits, hinzu kamen aufgeschreckte Vierbeiner. Coker filmte viele ihrer Fahrten, darum kann man zuschauen, wie Alligatoren (relativ gemächlich), ein Reh (keineswegs gemächlich) oder ein Hörnchen (einfach nur verwirrt) die Strasse vor ihr überqueren. Unfälle konnte sie vermeiden, beim Wetter gab es hingegen kein Ausweichen.

 


 

Als im letzten Sommer ein Hurrikan wütete, klammerte sie sich so fest an ihren Lenker, dass sie davon Blasen ­bekam. Der Po begann mit der Zeit ebenfalls zu schmerzen, was sie immer wieder in ein Liegevelo zwang – auch um die Dauerbeanspruchung derselben Muskeln zu lindern.

 

Wer übrigens die Sinnfrage dieser Rundfahrt der besonderen Art stellt: Reinhold Messner, der Weise des Bergsteigens, sagte einst: «Für mich kann ­etwas Sinn machen, obwohl es völlig ­unnütz ist für die Gesellschaft.» Coker, die nach ihrem schweren Unfall lange an Panikattacken gelitten hatte, brachte dieser Rekordversuch eine feste Tagesstruktur – und das Vertrauen in den eigenen Körper zurück. Ihre Eltern, die sie das Jahr über begleiteten, beschrieben, wie sie sich veränderte: Einst fröhlich und gesellig, hatte sich Coker nach dem Unfall in sich zurückgezogen.

 

Das Dauerstrampeln habe sie als Person zugänglicher und mitteilsamer gemacht. Ein bisschen fürchtete sich Coker ­darum vor dem Ende und dem Wegfallen dieses klaren Settings. Wegen ihres Unfalls muss sie das Studium vorerst lassen.

 

 

 

Vorbild für Versehrte

 

Wenn sie darum sagt, mit diesem Projekt zeigen zu wollen, dass man Grenzen wahrlich verschieben kann, klingt das für einmal nicht wie Sportjargon. Coker sieht sich als Vorfahrerin für Menschen, die nach einem Schicksalsschlag in den Alltag zurückfinden wollen bzw. müssen. Dafür steht ihr ­Rekord: Zu Beginn dachte sie niemals, gleich die Beste dieser exzentrischen Velofahrer zu werden. Tagesleistungen fern von 200 km hielt sie für sich für unrealistisch und staunte nach dem Start über ihre Fähigkeit, an so vielen Tagen so lange Velo fahren zu können. Es macht sie zum Phänomen auf ­Rädern.